Über die Wertigkeit der Dinge oder die Reiseversicherung von damals...



Für manche mögen Dinge, die beschädigt sind, Dinge, die nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen, Objekte sein, die es zu entsorgen gilt. Ich finde und hier spreche ich für viele KlosterarbeiterInnen unter uns: Es sind Kostbarkeiten, die aufzubewahren sind und behütet und beschützt gehören. Gerade dieses kleine Reisealtärchen, das vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammt, ist eines dieser kleinen Kostbarkeiten. Liebevoll mit feinsten Drahtornamenten verziert, diente es mit dem innewohnenden Virtus der Reliquien den Reisenden als Schutz auf allen Wegen. So viele einzelne Arbeitsschritte waren dafür notwendig: das Reliquiendiptychon ist aus einem Stück Laubholz geschnitzt, gefasst, bemalt und mit Sammet (Samt) überzogen. Die metallenen (verm. Messing) und schön verzierten Scharniere machen es zu einem Kapselreliquiar. Die kleinen Miniaturbildchen der Hl. Barbara, des Hl. Nepomuk und Maria wurden ausdrucksstark und mit viel Liebe zum Detail gemalt. So filigran, hier kann nur mehr ein Härchen am Pinsel gewesen sein. Am linken Teil des Schreinchens ist ein Elfenbein-Kruzifix zu sehen. Jesus, der sich von seinem Kreuz losgelöst hat, ist ebenfalls geschnitzt und hat ein Maß von ca. 2,5 cm. Unvorstellbar, dass man das schafft, ohne hier die feinen Hände und Füße zu brechen. Die feinen kleinen Perlchen, die im ganzen Schrein verteilt sind vermutlich Wachsperlchen. Zum Teil sieht man noch einen leichten glänzenden Überzug bei diesem Perlen. Demnach könnte es sich um sogenannte Fischsilberperlen handeln. Was das wiederum ist erfordert eine längere Geschichte… Bei der Klosterarbeit handelt es sich um großteils gewickelte Elemente, bei denen zuerst das Papier zugeschnitten wird, mit Golddraht umwickelt und in Form gebogen werden muss. Für die weiteren Verzierelemente wurden eine Unmenge an Ederschlaufen (kleine Drahtschlaufen) gefertigt, die wiederum auf einen Führungsdraht angewickelt und dann zu Ornamenten gedreht wurden. Also unzählbar viele Arbeitsschritte waren erforderlich um dieses kleine Kunstwerk in der Größe von 13 x 6,5 x 1,5 cm pro Seite zu schaffen. Kostbar war es auf alle Fälle auch für die Besitzer. Es hat ihnen emotionalen Schutz für die Reisen versprochen, sozusagen die Reiseversicherung von damals. So manch kleines Stoßgebet wird damals wahrscheinlich damit gebetet worden sein. Somit ist es nicht nur aufgrund des immensen Arbeitsaufwandes so kostbar sondern auch weil es Menschen etwas bedeutet hat. Der Ursprung dieses Diptychon dürfte dem Benediktinnerkloster Nonnberg in Salzburg zugeschrieben werden. Zumindest gibt es Nachweise, dass dort diese Art der Reisealtärchen gefertigt wurden. Sie alle hatten die gleiche Form und viele ähneln sich im Stil. Wenn auch beschädigt werde ich es in Ehren halten und nach mir wird sich sicher ein Museum darüber freuen….


vergl. Gold, Perlen und Edel-Gestein, Augustinermuseum Freiburg, 1995; S 223




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